Die wahre Geschichte von Wilson, dem Volleyball
Vor zwanzig Jahren eroberte der Film „Cast Away – Verschollen“ die Welt im Sturm. Hier erfährst du, wie Wilson, der Volleyball, zu der Kulturikone wurde, die er heute ist.
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BÜHNE FREI FÜR ETWAS GROSSES
Wilson Sporting Goods wird immer wieder um Produktspenden gebeten. Seit über einem Jahrhundert stellt das Unternehmen Ausrüstungen für Gemeindeorganisationen, Spendenaktionen, Jugendsportligen, Profiteams und alles, was dazwischen liegt, zur Verfügung.
Im Jahr 1998 jedoch erhielt Molly Wallace in ihrer Eigenschaft als Team Sports Communications Managerin einen Anruf, der sich von allen bisherigen Anrufen unterschied.
Am Apparat war ein Vertreter von 20th Century Fox, einer der wohl bekanntesten Produktionsfirmen der Welt. Er erklärte Molly Wallace, dass das Studio mit den Dreharbeiten zu einem Film beginnen wollte und hoffte, dass Wilson ein paar Bälle für den Film zur Verfügung stellen könnte.
„Heutzutage verlangen Produktionsfirmen für Produktplatzierungen hohe Geldbeträge. Damals war das aber noch nicht der Fall“, erklärt Mike Kuehne, Leiter der Bereiche Basketball, Volleyball und Fußball. „Sie wollten einfach nur die Bälle.“
„Sie machten nur sehr vage Angaben, was den Film und die Verwendung des Produkts betraf“, erinnert sich Wallace, „doch sie sagten, die Bälle würden nicht als Waffe oder auf irgendeine Art und Weise verwendet werden, die der Marke schaden würde.“
Der Fox-Vertreter erklärte, dass der Film etwas ungewöhnlich sei, weil es keine größeren Nebenrollen geben werde. Doch er hat mir den Hauptdarsteller des Films verraten.
„Tom Hanks“, sagt Wallace und lächelt. „Er sagte, es sei Tom Hanks, und ich glaube, das hat den Ausschlag gegeben. Tom-Hanks-Filme sind immer gut.“
Wallace beriet sich mit Kuehne und dem Bereichsleiter für Volleyball und Fußball, Alan Davenport. Obwohl diese Anfrage an Wilson unüblich vage formuliert war, ließ sich das Team angesichts der Vertrauen erweckenden Mitwirkung von Tom Hanks überzeugen und kam überein, Fox zu schicken, worum das Unternehmen gebeten hatte – nämlich Fußbälle.
„Kaum bekannte Tatsache! Die Volleybälle kamen erst später ins Spiel“, sagt Davenport.
Also schickte man die Fußbälle los. Erst einige Monate später erhielt das Team eine Antwort von 20th Century Fox.
„Man teilte uns mit, dass die Fußbälle ungeeignet wären, weil irgendetwas, das nicht näher beschrieben wurde, nicht an dem Fußballmaterial haften würde“, erinnert sich Wallace. „Also baten sie stattdessen um ein paar Volleybälle.“
Damals waren die Wilson-Volleybälle auf beiden Seiten mit dem Schriftzug „Wilson“ bedruckt, doch Fox verlangte ausdrücklich Volleybälle mit einer unbedruckten Seite. Davenport: „Wir hatten keine Ahnung, wofür sie die brauchten, aber wir haben es getan. Wir haben extra 60 einseitig bedruckte Volleybälle angefertigt und sie an Fox geschickt.“
„Damals begannen wir, uns ernsthaft zu fragen: ‚Wofür benötigen sie die? Was fangen sie bloß mit einseitig bedruckten Bällen an?‘“, erinnert sich Wallace.
Zu diesem Zeitpunkt wussten Wallace, Davenport und Kuehne nur, dass ein einseitig bedruckter Wilson-Volleyball in einem Tom-Hanks-Film zu sehen sein würde. Und fast ein Jahr lang war das auch schon alles, was sie erfahren sollten.
Monate später erhielt Wallace einen Anruf von Fox, in dem man ihr mitteilte, dass man ihr eine Geheimhaltungsvereinbarung zusammen mit einer Art Vorschau auf die Produktplatzierung schicken würde. Wallace unterzeichnete die Geheimhaltungsvereinbarung und erhielt etwa eine Woche später einen Umschlag von Fox. Er enthielt ein einzelnes Foto ohne Kontext oder Erklärung. Das Foto (unten) zeigt Tom Hanks an einem Strand mit einem Wilson-Volleyball. Wallace zeigte das Foto Davenport und Kuehne. Gemeinsam betrachteten sie das Foto und kratzten sich am Kopf. Sie ahnten nicht, dass sie gerade einen ersten Blick auf Tom Hanks‘ Co-Star, die künftige Popkultur-Sensation Wilson, den Volleyball, geworfen hatten.
Das Foto, das Wallace von 20th Century Fox erhielt.
Nachdem das Team das Foto erhalten hatte, hörte es erst wieder von den Fox-Studios, als der Film in Los Angeles vorgeführt werden sollte. Und kaum hatten die Vorführungen begonnen, gingen auch schon die ersten Anrufe ein.
„Ich habe sofort Anrufe von den Medien erhalten. Und ich bin mir ziemlich dumm vorgekommen, weil ich keine Ahnung hatte, wovon die Rede war“, lacht Wallace. „Fox hatte uns immer noch nicht über die Handlung des Films oder die Verwendung der Volleybälle informiert.“
Nachdem sie zum x-ten Mal angerufen worden war, wandte sich Wallace an die Fox-Studios.
„Ich sagte: ‚Sie müssen mir ein wenig auf die Sprünge helfen. Ich habe keine Ahnung, was ich den Medien sagen soll, und ich bekomme ständig Anrufe.‘“
Der Zufall wollte es, dass Fox in derselben Woche im Siskel and Ebert Theatre in der Innenstadt von Chicago eine Kritiker-Vorführung von „Cast Away – Verschollen“ veranstaltete. Anstatt die Handlung am Telefon zu erklären, lud Fox Wallace, Davenport und Kuehne zu dieser Vorführung ein.
Also gingen sie hin.
„Wir hatten wirklich keine Ahnung, welche Rolle der Ball spielte, als wir das Kino betraten“, erinnert sich Davenport. „Ich weiß noch, wie ich aus der Vorführung kam und dachte: ‚Heilige [Schimpfwort]!‘“ Wir wussten, dass wir (als Unternehmen) aktiv werden mussten.“
Zuerst zögerte Fox, Wilson nachgebaute Exemplare der „Cast Away – Verschollen“-Bälle produzieren zu lassen. Zu dieser Zeit gab es in dem Film keine anderen Handelswaren. Doch das Wilson-Team flog nach Los Angeles, um sich mit den Produzenten des Films zu treffen, und erhielt schließlich grünes Licht für die Produktion von Nachbildungen von „Wilson, dem Volleyball“.
„Da es sich nicht um eine bezahlte Produktplatzierung handelte, tappten wir bis zur Veröffentlichung des Films im Dunkeln“, fügt Kuehne hinzu. „Deshalb waren wir mit der Herstellung der nachgebauten Bälle ein paar Monate im Rückstand.“
Erfreulicherweise hielt die Begeisterung für den Film auch nach der Veröffentlichung der Nachbildungen noch weiter an.
Ein Filmplakat zu „Cast Away – Verschollen“
„Was die Öffentlichkeitswirkung betrifft, geht dies viel weiter als eine einfache Produktplatzierung“, erklärt der damalige General Manager von Wilson Team Sports, Chris Considine. „Es katapultiert uns aus der Sporthalle in die Arena der Popkultur.“
Von dem Film profitierte auch der Partner von Wilson, die AVP (Association of Volleyball Professionals), da deren Logo ebenfalls auf dem Ball zu sehen war. Auf diese Weise wurden Wilson und die AVP ein für alle Mal als Partner in der Volleyballwelt verankert.
„Wir hatten einen der bei den Dreharbeiten verwendeten Originalbälle, mit den Schilfrohren, die aus dem Kopf ragten, und nahmen ihn zur American Volleyball Coaches Association Show mit, damit sich alle Volleyballtrainer mit Wilson fotografieren lassen konnten“, sagt Davenport.
Wilson, der Volleyball, hinterließ bei Kinobesuchern und Kritikern gleichermaßen einen derartigen Eindruck, dass die Broadcast Film Critics Association einen eigenen Preis für ihn herausbrachte. In diesem Jahr reiste Wilson (in Begleitung von Wallace, Davenport, Kuehne und Considine) nach Los Angeles, um bei den 6. jährlich ausgestrahlten Critics Choice Awards seinen Preis für das beste unbelebte Objekt entgegenzunehmen. Wallace trug Wilson über den roten Teppich und beantwortete in seinem Namen die Fragen der Medien.
„Ich kann es gar nicht oft genug sagen – das ist einfach unglaublich“, sagte Considine, als er den Preis entgegennahm. „Die Aufmerksamkeit, die wir erhalten, ist unglaublich – so viele Anrufe von Händlern, Konsumenten, Familienangehörigen und Freunden, die den Film gesehen haben und ihre Unterstützung bekunden. Wir sind dankbar für die Möglichkeit, die 20th Century Fox uns geboten hat, und fühlen uns geehrt, den ersten Preis für das beste unbelebte Objekt entgegennehmen zu dürfen.“
Die öffentlichen Auftritte von Wilson, dem Volleyball, endeten nicht auf dem roten Teppich. Etwa ein Jahr nach dem Filmstart von „Cast Away – Verschollen“ fuhr Dale Earnhardt Jr. ein Rennen in Darlington und klagte gegenüber seinem Teamchef über Probleme mit dem Auto. „Bei euch fühle ich mich wie Tom Hanks, ganz allein hier draußen“, soll Earnhardt über Funk gesagt haben. „Ich sollte mir einfach einen Volleyball besorgen, der mir Gesellschaft leistet.“
Drei Wochen später platzierte Earnhardts Crew in Dover ein selbstgemachtes Exemplar von Wilson, dem Volleyball, auf seinem Beifahrersitz. [Der komplette Wortwechsel über Funk zwischen Earnhardt und seinem Teamchef kann in diesem ESPN-Artikel.] nachgelesen werden.] Earnhardt gewann daraufhin das Rennen. In der Pressekonferenz nach dem Rennen sagte Earnhardt, dass Wilson ihm Glück gebracht habe und er ihn von nun an vielleicht als Copiloten behalten wolle. Earnhardts druckgegossenes Miniaturauto als Andenken an Dover war sogar mit einem Mini-Wilson-Volleyball ausgestattet.
Nach der Premiere des Films wurden zwei der drei für die Dreharbeiten verwendeten Bälle versteigert. Das verbleibende Originalexemplar von Wilson, dem Volleyball, hatte einen Auftritt bei „Saturday Night Live“.
WILSON KEHRT HEIM
In den frühen 2000er-Jahren war es üblich, dass Produktionsfirmen eine zweite Premiere veranstalteten, wenn ein Film auf Video zum Verleih oder Kauf freigegeben wurde. Zur Feier der Veröffentlichung des Films auf Video hatte Fox die Idee, den Film dort fortzusetzen, wo er aufgehört hat – bei Wilson, dem Volleyball, der davontreibt.
„Man kam überein, dass es das Richtige wäre, Wilson zu retten“, erinnert sich Wallace.
Und das geschah auf spektakuläre Weise.
Die Fox-Studios flogen mit einem Hubschrauber der Küstenwache los, „retteten“ Wilson und brachten ihn zum Hauptquartier von Wilson Sporting Goods in Chicago, wo er wie ein Held empfangen wurde. Wallace und das Wilson-Team organisierten zusammen mit den Fox-Studios eine aufwändige Homecoming-Parade, mit einer kompletten Marschkapelle und Wilson, dem Volleyball, der auf einem roten Plüschkissen auf dem Rücksitz eines Cabrios mitfuhr.
Davenport, der damalige Präsident von Wilson Sporting Goods Co, Jim Baugh und Wallace mit Wilson auf einem Kissen bei seiner Homecoming-Parade
Wilson wendet sich bei seiner Homecoming-Feier an die Menge.
Wilsons Freunde, die ihn von der Tribüne aus unterstützen
Baugh und Wilson auf dem Rücksitz eines Cabriolets bei der Parade
WARUM ÜBERHAUPT WILSON?
Möglicherweise hast du gehört, dass ein Volleyball der Marke Wilson zu Ehren der Ehefrau von Tom Hanks, Rita Wilson, für den Film ausgewählt wurde. Es heißt, dass Tom Hanks wusste, dass er für längere Zeit von zu Hause weg sein würde, um mit einem kleinen Team zu drehen, und dass er deshalb einen gewissen Bezug zu dem Produkt haben wollte, das seinen Co-Star verkörpern würde. Deshalb hat er sich für einen Ball mit dem Namen seiner Frau entschieden.
Aber es gibt noch eine andere Geschichte, die – wenn sie wahr ist – Wilsons Beteiligung an dem Film vorherbestimmt erscheinen lässt.
„Angeblich war der Drehbuchautor des Films ein Mensch, der selbst rausgehen und erleben wollte, worüber er schreibt“, erinnert sich Davenport.
„Die Legende besagt, dass dieser Drehbuchautor zusammen mit einem Überlebenskünstler auf eine abgelegene Karibikinsel reiste. Er hat dort viel von dem, was schließlich in den Film eingeflossen ist, selbst ausprobiert, z. B. ein Feuer zu machen und eine Kokosnuss zu öffnen. Angeblich sagte der Überlebenskünstler unter anderem: „Wenn du längere Zeit allein bist, wirst du ein bisschen sonderbar und fängst an, mit dir selbst oder mit Gegenständen zu reden.“
Studio-Porträtfoto von Wilson, dem Volleyball
Jetzt kommt der Clou: Anscheinend wurde ein Fußball auf der Insel angespült, auf der der Drehbuchautor und der Überlebenskünstler sich aufhielten. Also setzten sie ihm einen Hut auf und begannen, mit ihm zu sprechen. Bei dem gestrandeten Ball handelte es sich zufällig um einen Wilson-Fußball – angeblich die Inspiration zur Rolle des Wilson.
BEMERKENSWERTE ERGEBNISSE UND NACHHALTIGE WIRKUNG
„Was die Öffentlichkeitswirkung betrifft, kann nichts, was wir je gemacht haben, mit ‚Cast Away – Verschollen‘ mithalten“. – Chris Considine
„Was die Öffentlichkeitswirkung betrifft, kann nichts, was wir je gemacht haben, mit ‚Cast Away – Verschollen‘ mithalten“. – Chris Considine
Wallace bestätigt, dass zwei Jahrzehnte und Dutzende von Fokusgruppen und Markenstudien später, Wilson, der Volleyball, aus „Cast Away – Verschollen“ immer noch zu den drei Dingen gehört, die die Menschen am häufigsten mit der Marke verbinden.
„Heutzutage wird ein solcher Markenauftritt von den Produktionsfirmen kommerziell vermarktet. Aber eine der Besonderheiten von Tom Hanks besteht darin, dass es für ihn nicht darum ging, Geld für seine Mitwirkung an dem Film zu verdienen, sondern darum, Geld zu verdienen, weil es ein guter Film ist“, erklärt Kuehne.
„Wir haben Fox 60 Bälle für die eigentliche Produktion des Films zur Verfügung gestellt, und etwa 100 weitere für Werbezwecke. Alles in allem haben wir ihnen also etwa 150 Volleybälle geschickt und dafür eine beispiellose Produktplatzierung erhalten. Das ist die größte Investmentrendite in der Geschichte von Wilson“.
Außerdem wurde Alan Davenport dank „Cast Away – Verschollen“ innerhalb eines Monats im Wall Street Journal und in der Zeitschrift Entertainment Weekly zitiert. „Ich glaube, meine Äußerung lautete: ‚Nicht jeder Schauspieler kann so wohlgerundet sein wie Wilson. Er ist nicht nur ein weiteres hübsches Gesicht unter vielen.‘“
Wilson, der Volleyball, ist auch zwei Jahrzehnte nach der Veröffentlichung von „Cast Away – Verschollen“ noch immer im Zeitgeist verankert. Ihm ist sogar eine eigene IMDB-Seite gewidmet.
Wilson, der Volleyball, ist auch zwei Jahrzehnte nach der Veröffentlichung von „Cast Away – Verschollen“ noch immer im Zeitgeist verankert. Ihm ist sogar eine eigene IMDb-Seite gewidmet.
Ein von Tom Hanks signierter Volleyball, mit freundlicher Genehmigung von Mike Kuehne
Während des ganzen Films wirkte die Beziehung zwischen Tom Hanks und Wilson stets authentisch. Der Grund, warum sie sich nie wie eine bezahlte Produktplatzierung anfühlte, ist einfach der, dass sie das nicht war. Die Rolle von Wilson, dem Volleyball, als Co-Star von Tom Hanks erzielte eine Öffentlichkeitswirkung, die man für Geld nicht kaufen kann. Die Verbindung war echt, spürbar und, wenn man der Legende Glauben schenken darf, von Anfang an vorherbestimmt.
Es ist noch nicht zu spät, sich eine zu besorgen.